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FAZ: Bestanden? Aber wir haben doch gar nichts gelernt!

Artikel vom 02. Januar 2009

Was ist uns lieber: eine reiche oder eine kluge Bevölkerung? Solange Schulen und Universitäten nicht zur Selbstständigkeit erziehen, sind wir von beidem weit entfernt. Einige Vorschläge zur Klärung unserer Bildungsziele, die mit einer Reform nichts zu tun haben.

Von Jürgen Kaube

Gerade wird das neue Konjunkturprogramm diskutiert, mit dem die Bundesregierung der sich abzeichnenden Rezession entgegenwirken will. Dabei sind ihr nach den Automobilen und den Straßen zuletzt auch noch die Schulen eingefallen, für die man Geld ausgeben könnte. Dass es einer tiefen Wirtschaftskrise bedarf, um besondere Maßnahmen zur Instandsetzung von Schulgebäuden zu motivieren, hat eine eigene Aussagekraft. Wir restaurieren Schulen nicht, weil sie uns am Herz liegen und anderes als intakte Schulen für ein wohlhabendes Land eine Schande wäre, sondern damit es die Konjunktur beleben möge. Im Zweifel würden wir, dieser Logik zufolge, eine reiche Bevölkerung einer klugen vorziehen.

Das fällt in den Bildungsdebatten unserer Tage nur darum nicht auf, weil sie es zum Gegensatz von Industrie und Bildung erst gar nicht kommen lassen. Für die meisten Politiker sind Bildungsfragen ganz unmittelbar und in erster Linie Fragen des Erhalts von industriellen Arbeitsplätzen. Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft, hieß es einmal. Und wenn die Zukunft die Wirtschaft ist, dann hat, wer die Bildung hat, auch die Wirtschaft.

„Investieren“ in „unsere Köpfe“

Darum gehen Bildungsreden seit langem so: Zuerst wird betont, dass wir in einem rohstoffarmen Land leben. Wir haben weder Erdöl noch Gold oder Aluminium. Zwar gibt es bei näherem Nachdenken gar kein rohstoffreiches Land, in dem man gerne leben möchte; die allermeisten davon sind hundsarm, verödet und in der Hand von Räuberbanden. Aber die typische Bildungsrede will ja nicht selbst Kenntnisse demonstrieren, ihr genügt es, deren Mehrung für andere in Aussicht zu stellen. Also folgert sie aus der Rohstoffarmut, dass wir nur „unsere Köpfe“ haben. An dieser Stelle muss dann das Wort „investieren“ fallen. Wir müssen in die Köpfe investieren, denn sonst droht unser Weltmarktabsturz.

Hier erscheint es den Bildungsreden eindrucksvoll, die Zahl der Ingenieure zu erwähnen, die von den indischen und chinesischen Universitäten ausgebildet und demnächst gegen uns arbeiten werden. Da diese Zahlen irgendwo in der Nähe der bundesdeutschen Gesamtbevölkerung liegen, verstärkt das einen Eindruck, auf den man in der Bildungsrede später noch zurückkommen kann und der vor allem Hochschulpräsidenten im Publikum mit den Köpfen nicken lässt, den Eindruck nämlich, dass wir langfristig um eine vollständig durchpromovierte Bevölkerung kaum herumkommen werden. Gern verwendet wurde bis vor kurzem auch die Zahl der deutschen Nobelpreisträger nach 1945. Jene Zahl ist zuletzt, zumindest gefühltermaßen, sprunghaft angestiegen, bedauerlicherweise ohne jeden erkennbaren Zusammenhang mit Bildungsreformen. Das dürfte diese Kenngröße ein paar Jahre lang für Bildungsreden ungeeignet machen.

Zahlen wollen erhöht werden

Je nach politischer Couleur und Amt wird an dieser Stelle der Bildungsrede dann die Abzweigung zu einer Klage darüber genommen, dass wir zu wenig in unsere Köpfe investieren. Oder man weist umgekehrt darauf hin, was in den vergangenen Jahren schon alles zur Besserung der Bildungslage geschehen ist. So oder so fällt das Wort „Begabungsreserve“. Das kann in einem Abschnitt darüber geschehen, dass das deutsche Bildungssystem - gemeint sind hier die Schulen - zu viele Talente auf der Strecke lässt, weil es hochgradig ungerecht ist. Dafür werden wahlweise Pisa-Zahlen zitiert, Befunde über die Schullaufbahn von Kindern bildungsarmer Kreise, OECD-Vergleiche, nach denen es andernorts ganz anders zugeht, oder den aktuellem Anteil von Arbeiterkindern an der Studentenschaft.

Hat man auf diese Weise einen hohen Handlungsbedarf nachgewiesen, bleibt noch, ihm die Richtung zu weisen. Das ist nun nicht mehr schwer, denn Zahlen, die zu gering sind, rufen zu ihrer Erhöhung auf: Wir brauchen mehr Abiturienten und mehr Studenten. Derzeit sind gut vierzig Prozent eines Jahrganges studienberechtigt, gut dreißig Prozent studieren. Setzen wir uns also zum Ziel, diese Anteile um, sagen wir: zehn Prozent zu steigern.

Die Hälfte richtig - eine Zwei

Abiturienten sind außerdem meist Gymnasiasten, und Gymnasiasten sind Schüler, die nicht auf der Haupt- oder Realschule sind. Setzen wir uns also das Ziel, erst die Haupt- und dann die Realschule abzuschaffen, das dürfte die Zahl der Abiturienten erheblich erhöhen. So lautet an dieser Stelle die sozialdemokratische Redevariante. Bei ihr ist allerdings - Achtung, Wahlkampf! - nicht von „Abschaffung des Gymnasiums“ zu sprechen, sondern von „länger gemeinsam lernen“. Christdemokraten halten davon wenig, weshalb ihnen aber nur bleibt, eine Erhöhung der Bildungsquote durch Herabsetzung der Leistungsanforderungen zu erwirken. Denn wo sonst soll sie herkommen, die effiziente Bildungsvermehrung? Wenn an Hamburger Realschulen ein Schüler, der in einer Klassenarbeit die Hälfte der gestellten Fragen beantworten kann, inzwischen eine Zwei erhält - es gab Zeiten, da reichte dies in jeder Schulform gerade mal so eben für ein „ausreichend“ -, dann ist das Hinweis auf die auch beim Abitur erforderlichen Maßnahmen. An den Hochschulen wird bereits seit einiger Zeit so verfahren.

Wir brauchen, sagt die Bildungsrede, „mehr Bildungsbeteiligung“. Zugleich sollen aber auch alle Bildungsbeteiligten sich schneller bilden. Deshalb wurde flächendeckend die achtjährige Gymnasialzeit eingeführt, es war ja „Luft im System“; in demselben System, das zunehmend studierunfähige Absolventen hervorbringt, denen von den Hochschulen - ebenfalls in kürzerer Zeit und darum ebenfalls unter Entwertung der Abschlüsse - das Prozentrechnen und das Bücherlesen beigebracht werden muss. Und sie sollen natürlich in der kürzeren Zeit auch mehr von dem lernen, was sie für die Globalisierung wirklich brauchen: Wirtschaftskenntnisse, Chinesisch oder Spanisch, Medienkompetenz, Gesundheitskunde, Teamfähigkeit, Präsentationstechniken, Ethik. Natürlich sind auch Latein (Abendland), Musik und Tanz (der ganze Mensch) Mathematik (Ingenieursbedarf) und Biologie (Gentechnik) „wichtiger denn je“. Mehr Stoffe, schneller, für immer größere Kreise, bei konstanten Ausgaben - nun, es sind Wertereden, die keine Rücksicht auf Knappheiten oder den Verstand nehmen müssen.

Zermürbtes Lehrpersonal

Bildungsreden haben oft etwas Deprimierendes. Nicht nur, weil sie so undurchdacht sind, und auch nicht, weil es keine Taten gäbe, die man auf sie beziehen könnte. Leider gibt es solche Taten durchaus. Wir kennen sie unter dem Titel „Reform“, und sie sind gerade dabei, unsere Universitäten ganz sinnlosen Belastungstests auszusetzen und das Lehrpersonal an den Schulen zu zermürben. Die Tristesse der gängigen Bildungsrede besteht vielmehr darin, dass sie sich Bildung nur als eine Durchgangsstation zu etwas Besserem vorstellen kann: zu Wohlstand, Aufstiegsmobilität, Wettbewerbsfähigkeit.

Gewiss wäre es töricht, den Zusammenhang zwischen einer gut ausgebildeten Bevölkerung und dem Wohlstand eines Landes zu leugnen. Aber angenommen, der Wohlstandszuwachs bliebe auch mit mehr Abiturienten und besseren Hochschulen und einer intelligenten frühkindlichen Erziehung aus, weil selbst finnische oder kanadische Bildungsverhältnisse nicht verhindert hätten, dass die Lehman-Bank den Bach heruntergeht. Angenommen, man studierte und stiege trotzdem nicht auf. Wäre Erziehung dann gescheitert? Hätten wir uns dann die Kosten und die Zeit für Bildung lieber gespart? Das Elend der Bildungsdebatte liegt in der Unfähigkeit, die Schule als Schule und die Universität als Universität wertzuschätzen: ihre Anforderungen, ihren Eigensinn, ihre besten Traditionen.

Wie eine Parodie von Leistung

Das reicht bis in elementare Einstellungen hinein. Wer heute ein Kinderspiel erwirbt, muss damit rechnen, dass auf der Packung gut sichtbar festgehalten ist, das Spiel fördere die „Feinmotorik“, die „Auge-Hand-Koordination“ und „das freie Spiel“ des Kindes. Es handelte sich in unserem Fall um neun kleine Holzkegel samt Kugel. Solche Aufschriften dokumentieren recht gut das gegenwärtige Verhältnis zu Bildungsfragen. Ehedem Selbstverständliches - Kind und Kegel - wird in einen Leistungszusammenhang gebracht, der seinerseits aber wie eine Parodie von Leistung wirkt. Mitgeteilt wird, das Spiel fördere das Spielen. Wie überhaupt alles, was das Kind angeht, so haben auch Spiele es zu fördern: seine Fähigkeiten, wahlweise auch sein Gehirn oder seine Chancen. Nicht nur das Kegeln, sondern jegliche Form von Bildung wird dabei betrachtet wie ein Mittel, das dem Nachwuchs zur Stärkung verabfolgt wird und zuvor auf seinen Vitamingehalt zu prüfen ist.

Wenn Bildung als ein solches Vitamin erscheint, wird an den Schulen nicht mehr gelesen und gerechnet, weil Bücher wie Zahlen hintersinnige Objekte sind, weshalb sie die Phantasie anregen und den Verstand herausfordern, sondern weil Texte die Lesekompetenz und mathematische Aufgaben die Rechenkompetenz fördern. Das Wort „Kompetenz“ hieß früher einmal „Zuständigkeit“, ist aber inzwischen als betriebswirtschaftlich-erziehungswissenschaftlicher Doppelbalg zum geschwollenen Ersatzbegriff für „Können“ geworden. In der Folge gibt es nichts mehr, wozu man nicht kompetent gemacht werden kann: Teamkompetenz, interkulturelle Kompetenz, Konfliktkompetenz, Unterstreichkompetenz. Dies alles sind keine erfundenen Fälle, sondern Einträge in der endlosen Liste der Unterrichtsziele neuester Pädagogik.

Das Lernen des Lernens

Das Ideal des Unterrichts, vom Kindergarten bis zur Hochschule, sind dann der Methodenkurs und das Kommunikationstraining. Und tatsächlich war es der Eindruck von Beliebigkeit, den die Unterrichtsgegenstände auf viele Erziehungswissenschaftler machen, der sie zu der Ansicht führte, es komme in der Schule nicht auf die Geometrie, die Physiologie der Pflanzen oder Kleists Novellen als solche an, sondern auf „das Lernen des Lernens“. Die eigentlich interessanten Dinge, sagt das, kommen nach der Bildung. Irgendwann hat sich dieser Eindruck auch den Schülern und Studenten mitgeteilt. Vielen von ihnen erscheinen Abitur und Studium inzwischen nur noch als Hindernisse, die sie vom wirklichen Leben trennen. An den Universitäten wird ihnen diese instrumentelle Einstellung zum Lesen, Denken und Problemelösen unter dem Titel „Bologna-Prozess“ heute geradezu aufgezwungen.

Was ist Bildung stattdessen? Zunächst einmal ist sie weniger das Vermögen mitzumachen, als dasjenige, einen Schritt zurückzutreten. Darin steckt, wohlverstanden, keine Polemik gegen die Berufswelt. Sondern nur eine gegen die Vorstellung, es nütze diesen Berufswelten und den Organisationen der Wirtschaft, der Politik, der Erziehung oder des Rechts ungeheuer, wenn ihr Personal nach Art von Tennisspielern agiert, bei denen das Nachdenken dem erfolgreichen Reflex im Weg stünde. Bildung ist keine Technik zur Vermeidung von Schwierigkeiten. Kleists Novellen, die Geometrie und die Physiologie der Pflanzen eignen sich vielmehr als Gegenstände des Unterrichts, weil sie voller Schwierigkeiten stecken, an denen man auch scheitern kann.

Freiheit setzt Kenntnis der Umwelt voraus

Jemanden erziehen heißt, ihn mit der Fähigkeit zu begaben, sich gegenüber seiner Umwelt eigensinnig zu verhalten, um Schwierigkeiten und Möglichkeiten zu sehen, die anderen nicht auffallen. Freiheit ist, anders als es manchen Liberalen vorkommt, keine Naturausstattung, sie setzt Kenntnis ihrer Umwelt voraus. Der große Liberale John Stuart Mill nahm genau darum die Schulen von seinem Plädoyer für die Entstaatlichung der Gesellschaft aus. Wer nicht weiß, wovon er redet, kann sich auch nicht aus eigener Kraft zustimmend oder abweichend dazu verhalten. Bildung ist insofern zwar nicht Erziehung gegen die Umwelt der Bildungseinrichtungen, aber gegen die Sprüche, die aus ihr auf die Jugendlichen einströmen.

Die alte bürgerliche Analogie von Bildung und Arbeit beruhte auf diesen Eigenschaften. Als der Begriff „Bildung“ im achtzehnten Jahrhundert prominent wurde, ging es um Erziehung zur Individualität. Gebildet sei, hieß es, wer über sich selbst nachzudenken vermöge. Der Schüler wurde als Person vorgestellt, die sich durch Lernen an Natur, Geschichte, Kunst und Sprache selbst anreichert. Kurz: Der Unterricht soll es dem Schüler ermöglichen, herauszufinden, was alles in ihm steckt. Alles - das heißt eine ganze Welt, nicht nur eine Berufskarriere. Die Schule erzieht nicht nur zur Berufsfähigkeit, sie erzieht beispielsweise auch Staatsbürger und Familiengründer, Menschen also, die ihr Leben selbständig führen sollen und das in einer Gesellschaft, in der viele lieber singen lassen als selbst singen, in der es also Delegationsmöglichkeiten selbst für Dinge gibt, die man besser selbst täte: Lesen, Rechnen, Schreiben, Denken.

Etwas studieren, woran man scheitern kann

Die Bildungskatastrophe liegt also nicht darin, dass uns oben ein paar Pisa-Punkte fehlen, sondern dass uns unten eine Bevölkerung entsteht, die zu elementarer Selbständigkeit nicht mehr in der Lage ist. Und sie liegt darin, dass wir, um Schwierigkeiten zu umgehen und Härten zu vermeiden, Bildung als etwas Leichtes, mittels didaktischer Tricks und Prüfungen, durch die man nicht fallen kann, leicht zu Erwerbendes vorstellen. Die Aversion der Gymnasiasten gegen Mathematik und die daraus folgende Abstinenz gegenüber dem Ingenieursstudium rührt aus der Kontrasterfahrung zu restlichen Schule: Warum auch sollte man etwas studieren, an dem man scheitern kann?

Was kann in einer solchen Lage getan werden? Dreierlei drängt sich auf. Zunächst wäre es nötig, die Zeit der Reformen zu beenden. Seit Jahrzehnten werden die Bildungseinrichtungen von ihnen und einer Reformklasse heimgesucht, die im Ändern einen eigenen Beruf gefunden hat. Ein älteres Wort dafür war Beschäftigungstherapie, heute müsste man von einer Therapieselbstbeschäftigung sprechen, die zu Lasten der Intelligenz unserer Bildungseinrichtungen geht. Ihr Imperativ lautet „Ganz anders als bislang!“, was folgerichtig nach ein paar Runden zur Wiedervorlage aller älteren Modelle unter zwischenzeitlicher Entnervung sämtlicher Betroffenen und einem absurden Zeitverbrauch führt. Hat schon einmal jemand ausgerechnet, wie viele Stunden an Unterricht, Lektüre sinnvoller Texte oder Experimenten im Labor uns die Reformen gekostet haben? Die Zahl dürfte weit über das hinausgehen, was für gute Bildung nötig wäre. Ja, es gibt Luft im System.

Der Optimismus der Bildung

Genau so wichtig, wie sie entweichen zu lassen und das ständige Evaluieren, Strukturändern und Strukturänderungenzurücknehmen zu beenden, wäre es, damit aufzuhören, von der Bildung, den Schulen und Hochschulen zu verlangen, was sie nicht leisten können: die Abschaffung der Unterschicht etwa oder die vollständige Kompensation von Gleichgültigkeit gegen Bildung in vielen Milieus. Es ist widersinnig, erst den Begriff der Bildung, den Unterricht und das Studium zu entleeren, sie danach mit Aufgaben anzufüllen, die in die Zuständigkeit der Sozialpolitik, des Managementtrainings oder der Familien fallen, um ihnen zuletzt bei Nichtbewältigung dieser Aufgaben Versagen vorzuwerfen. Wir überfordern und unterfordern die Schulen und Hochschulen zugleich.

Damit aufzuhören leuchtet aber nur ein, wenn man einen Begriff von der eigenen Leistungsfähigkeit des Bildungssystems hat und ihm als Funktion zubilligt, nicht die reichere, die gerechtere, die moralischere oder die besser telefonierende Gesellschaft hervorzubringen, sondern nicht mehr und nicht weniger als wachere, wahrnehmungsfähigere, kenntnisreichere Bürger. Die, das wäre der Optimismus der Bildung, würden sich dann auch von einer noch so tiefen Wirtschaftskrise nicht in Frage gestellt sehen.


Text: F.A.Z. Quelle: http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E8B9D0D920C7A449CA80E5F1B3781923D~ATpl~Ecommon~Scontent.html


FAZ: Der Weg in das Milliarden-Desaster

Artikel vom 31. Dezember 2008

Seit dem Jahr 2000 haben die Banken Billionen Euro an Krediten vergeben und an zusätzlichem Geld geschöpft. Jetzt geht die Angst vor Geldvernichtung um. Wie erklären sich diese astronomisch hohen Geldbeträge?

Von Benedikt Fehr

Die Geldbeträge, um die es seit Ausbruch der Finanzkrise geht, machen staunen: Die Mittelstandsbank IKB verliert mehrere Milliarden Euro, zur Rettung der Citigroup müssen Staat und Notenbank mehr als 300 Milliarden Dollar bereitstellen, die Bundesregierung schnürt zur Stützung der deutschen Banken ein Paket über 500 Milliarden Euro. Wie erklären sich diese astronomisch hohen Geldbeträge? Wie konnte es zu diesem Desaster kommen?

Billionen an neuen Krediten

In den riesigen Geldbeträgen spiegelt sich, dass in den vergangenen Jahren rund um den Globus in großem Stil Kredite vergeben und Geld geschöpft wurde. So hatten die Banken des Euro-Raums Ende 2000 an Haushalte und Unternehmen des Euro-Raums nach Statistiken der Europäischen Zentralbank (EZB) insgesamt rund 6100 Milliarden (6,1 Billionen) Euro an Krediten vergeben; knapp acht Jahre später, im Oktober 2008 betrug das Kreditvolumen rund 10,9 Billionen Euro - ein Zuwachs von fast 80 Prozent. In anderen Ländern haben die Kredite ähnlich stark zugenommen.

Einen Anhaltspunkt dafür liefern die Geldmengendaten. Im Euro-Raum hat die Geldmenge von Ende 2000 bis Oktober 2008 um 4,5 Billionen Euro oder rund 91 Prozent auf 9,4 Billionen Euro zugenommen. Auch in den Vereinigten Staaten schwoll sie stark an, allerdings nicht so stark wie im Euro-Raum: um knapp 3 Billionen Dollar oder gut 60 Prozent auf 7,9 Billionen Dollar. Ähnlich stark nahmen die Geldmengen nach OECD-Daten auch in vielen anderen Ländern zu: in Großbritannien zum Beispiel um 130 Prozent und in den westlichen Industrieländern insgesamt um 84 Prozent.

Wie Geld geschöpft wird

Wie konnte es zu dem starken Anstieg der Kreditvolumen und Geldmengen kommen? Schon seit einigen Jahrzehnten ist das Geld nicht mehr durch Gold gedeckt; das Ausmaß der Geldschöpfung wird in den modernen Papiergeldwährungen vielmehr von politischen Erwägungen bestimmt. An der Geldschöpfung sind dabei zum einen die Geschäftsbanken, zum anderen die Zentralbank eines Landes beteiligt. In den westlichen Industrieländern wird Geld normalerweise überwiegend durch die Vergabe von Krediten geschöpft, zum kleineren Teil dadurch, dass Banken oder Notenbanken Vermögenswerte ankaufen.

Anders als vielfach vermutet, spielen die Ersparnisse, die eine Geschäftsbank bei den Haushalten einsammelt, für ihre Kreditvergabe nur eine untergeordnete Rolle. Die Wirkungskette läuft vielmehr in umgekehrter Richtung: Gewährt eine Bank einem Kunden einen Kredit zum Beispiel in Höhe von 100 000 Euro, schreibt sie diesen Betrag dem Schuldner auf dessen Girokonto gut: In diesem Moment entsteht Buch- oder Giralgeld. Der Schuldner wird über das gutgeschriebene Geld verfügen, es zum Beispiel zur Bezahlung eines Eigenheims verwenden. Dann landet das Geld auf dem Konto des Verkäufers, der darüber wiederum verfügt. Weitere Empfänger von Überweisungen werden die Giro-Guthaben wegen der höheren Zinsen zum Teil als Sparguthaben oder Festgeld anlegen. Das geschöpfte Geld zirkuliert somit auf den Bankkonten - bis es zum Beispiel durch Tilgung eines Kredits dem Kreislauf wieder entzogen wird.

Wiederum anders als vermutet, wird durch die Geldschöpfung niemand reicher: Der Bankkunde, der den Kredit aufgenommen hat, hat nun zwar 100 000 Euro auf seinem Konto, über die er verfügen kann; doch hat er auch 100 000 Euro Schulden, die er, samt Zinsen, zurückzahlen muss. Entsprechend hat die Bank nun zwar auf der Aktivseite ihrer Bilanz eine Kreditforderung gegen den Kunden, doch steht dem auf der Passivseite die Einlage des Kunden von 100 000 Euro als Verbindlichkeit gegenüber.

Giral- und Bargeld sind austauschbar

Im praktischen Leben ist das Giralgeld so gut wie Bargeld. Jeder Bankkunde kann sich sein Giro-Guthaben jederzeit in bar auszahlen lassen. Sollten einer Geschäftsbank die Bestände an Bargeld knapp werden, nimmt sie bei der Zentralbank einen Kredit auf, die ihr den Betrag gutschreibt. Dieses Guthaben kann sich die Geschäftsbank in Banknoten auszahlen lassen. So kommt das Bargeld in Umlauf: von der Zentralbank, die es drucken lässt, zur Geschäftsbank und von dieser zu den privaten Kunden.

Auch bei dieser Geldschöpfung wird weder die Zentral- noch die Geschäftsbank reicher. Aktiv- und Passivseite der Bilanzen sind jeweils ausgeglichen. Die Zentralbank verdient aber an den Zinsen, die die Geschäftsbank für den ihr gewährten Kredit zahlen muss. Diese Pflicht zur Zinszahlung gibt der Geschäftsbank einen Anreiz, mit dem geschöpften Geld so umzugehen, dass Wert geschaffen wird - und die Volkswirtschaft an Wohlstand gewinnt. Ähnlich legt die Pflicht zur Zinszahlung auch dem privaten Kreditnehmer nahe, das aufgenommene Geld effizient zu verwenden.

In der Praxis wird der größte Teil der Zahlungen ohne Bargeld abgewickelt: Beispielsweise wird die Stromrechnung meist dadurch beglichen, dass Giralgeld von einem Konto zum anderen überwiesen wird. Entsprechend sind derzeit nur rund 700 Milliarden Euro in Banknoten im Umlauf, während sich die Einlagen auf den Girokonten auf rund 3300 Milliarden Euro summieren.

Begrenzung der Geldschöpfung

Können die Geschäftsbanken unbegrenzt Kredite gewähren und Giralgeld schöpfen? Im Prinzip gibt es “Bremsen” auf drei Ebenen: erstens durch das Interesse der Banken an der Vermeidung von Verlusten, zweitens durch die Regeln der Bankaufsicht und drittens durch die Geldpolitik der Zentralbanken. Im Nachhinein wird deutlich, dass in den vergangenen Jahren alle drei “Bremsen” nicht richtig gegriffen haben.

Auf der einen Seite sind Banken daran interessiert, viele Kredite zu vergeben. Denn sie verdienen an den Kreditprovisionen sowie an der Zinsmarge. Dem steht freilich bremsend das Verlustrisiko gegenüber: Zahlt ein Schuldner den Kredit nicht zurück, bereitet dies der Bank einen Verlust. Inzwischen ist allerdings klar, dass die Bonisysteme vieler Finanzinstitute die Mitarbeiter zu stark auf die Erzielung kurzfristiger Gewinne ausgerichtet haben. Fällt ein - leichtfertig vergebener - Kredit nach mehreren Jahren aus und wird er für die Bank zum Verlust, muss der Mitarbeiter dafür nicht haften.

Bankaufsicht ohne Biss

Da die Geschäftsbanken Giralgeld schöpfen können, unterliegen sie einer staatlichen Regulierung. So schreibt die Bankaufsicht vor, dass eine Bank jeden Kredit und ähnliche riskante Engagements mit Eigenkapital als “Risikopuffer” unterlegen muss, der Verluste auffangen kann, so dass die Gläubiger der Bank - zum Beispiel die Inhaber von Sparguthaben - nicht um ihre Forderungen fürchten müssen. Vereinfacht dargestellt, muss eine Bank für 100 Millionen Euro an Krediten mindestens 8 Millionen Euro an Eigenkapital vorhalten. In der Praxis sichern viele Großbanken ihre Risiken allerdings mit deutlich weniger Eigenkapital ab.

Das ist der Grund für die Angst, dass das Finanzsystem zusammenbrechen könnte: Denn wenn nur einige Prozent des Kreditportefeuilles ausfallen, kann dies rasch zu einer Knappheit an Eigenkapital führen - wenn nicht gar zu dessen völligem Verlust und damit der Pleite der Bank. Auch die Einleger der Pleite-Bank müssen dann Einbußen befürchten, was eine verheerende Kettenreaktion auslösen kann. Um einer Panik vorzubeugen, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im September für alle privaten Bankguthaben eine politische Garantie gegeben.

Um ihren regulatorischen Eigenkapitalbedarf möglichst gering zu halten, haben viele Banken in den vergangenen Jahren außerbilanzielle Zweckgesellschaften gegründet, welche ihnen Kredite oder mit Krediten unterlegte Wertpapiere abkauften. Die Gewinne dieser Zweckgesellschaften flossen den Banken zu. Geht alles gut, lässt diese Strategie die Eigenkapitalrendite der Bank steigen - deren Höhe oft die Höhe der Boni bestimmt.

Dass Banken Kredite mit Eigenkapital als Risikopuffer unterlegen müssen, dient dem Schutz der Allgemeinheit. Gleichwohl haben die Aufsichtsbehörden in fast allen Ländern die Umgehung der Eigenkapitalvorschriften geduldet. Das rächt sich nun: Gerade auch die Zweckgesellschaften bereiten den Banken jetzt so hohe Verluste, dass sie mit Steuergeld gestützt oder gerettet werden müssen.

Einäugige Geldpolitik

Auch die Zentralbanken können die Kreditvergabe der Geschäftsbanken begrenzen: Die Notenbank verpflichtet die Geschäftsbanken, bei ihr in einem bestimmten Umfang “Mindestreserven” zu unterhalten. Wie bei der Beschaffung von Bargeld müssen die Geschäftsbanken dazu bei der Zentralbank einen Kredit aufnehmen. Die Zentralbank kann den Zins für diese Kredite nach freiem Ermessen festsetzen. Erhöht sie den “Leitzins”, geben die Banken dies meist über höhere Kreditzinsen weiter. Höhere Leitzinsen verringern somit in der Tendenz die Kreditnachfrage von Unternehmen und Haushalten, niedrigere Zinsen erhöhen sie. Die Zentralbank kann über diese - allerdings fragile - Wirkungskette das Volumen von Kreditnachfrage und Geldschöpfung steuern.

In den sechziger und siebziger Jahren schenkten die Notenbanken unter dem Einfluss der monetaristischen Theorie der Entwicklung der Geldmenge viel Beachtung. Doch hat die monetaristische Theorie ihre Schwächen. Die meisten Notenbanken gingen deshalb dazu über, die Entwicklung der Verbraucherpreise in den Vordergrund ihrer Strategie zu rücken. Tatsächlich blieb die Inflation der Verbraucherpreise, mit Ausnahme des Jahres 2008, trotz der starken Zunahme der Geldmengen vergleichsweise niedrig. Ein wichtiger Grund dafür war allerdings, dass sich Länder wie China und Indien der Marktwirtschaft öffneten: Billigimporte aus diesen Ländern hielten Verbraucherpreise und Lohnzuwächse in den Industrieländern in Schach.

Vertrauen auf die Markteffizienz

Abgesehen davon wurde ein Teil der Kredite nicht aufgenommen, um mit dem geschöpften Geld Verbrauchsgüter wie Autos oder Maschinen zu erwerben, sondern vielmehr, um dieses Geld an den Finanzmärkten gewinnbringend anzulegen. Das trieb die Preise praktisch auf allen Finanzmärkten nach oben, von Immobilien über Aktien und Rohstoffe bis hin zu komplexen Anleihen. Diese durch Geldschöpfung finanzierte Inflation der Vermögenspreise kümmerte die Zentralbanken allerdings kaum. Denn nach der vorherrschenden Doktrin wissen Käufer, Verkäufer und die finanzierenden Banken selbst am besten, was der Wert eines Eigenheims oder einer Aktie ist - auf alle Fälle besser als ein Bürokrat fernab in der Zentralbank.

Dieses Vertrauen auf die Vernunft der Wirtschaftsakteure und auf die Effizienz des Marktes hat aber offensichtlich die Eigendynamik spekulativer Prozesse unterschätzt: Eine kreditfinanzierte Nachfrage nach bestehenden Eigenheimen oder Aktien treibt deren Preise nach oben. Das lockt weitere Käufer an, die auf Spekulationsgewinne aus sind. Gleichzeitig wird es den Banken möglich, zusätzliche Kredite zu vergeben - und so auch für sich selbst rasch zusätzliche Gewinne zu erzielen. Denn steigen zum Beispiel die Eigenheimpreise, verfügen deren Besitzer über höhere Sicherheiten, die sie der Bank als Pfand für Kredite anbieten können.

Verstärkt wurde diese Preisdynamik durch aggressive Investoren, die den “Kredithebel” nutzten, um ihre Eigenkapitalrendite zu steigern. Dabei sammelt zum Beispiel ein Hedge-Fonds bei Anlegern Eigenkapital ein. Im ersten Schritt kauft er damit Wertpapiere. Diese Wertpapiere hinterlegt er bei einer Bank als Pfand, um Kredite aufzunehmen, mit denen er weitere Wertpapiere kauft. Diese Papiere hinterlegt er wiederum als Pfand für weitere Kredite. Manche Fonds haben so auf Eigenkapital von 1 Million Euro insgesamt 30 Millionen Euro an Kredit aufgenommen.

Weil die Kredite besichert waren, wogen sich die Banken in Sicherheit. Die Zentralbanken wiederum ließen lange gewähren, weil sie sich auf die - andauernd niedrigen - Verbraucherpreise fixierten und ansonsten auf die Effizienz der Finanzmärkte vertrauten. So stiegen und stiegen die Preise an vielen Finanzmärkten - bis die Spekulationsblasen im Jahre 2007, ausgehend vom amerikanischen Subprime-Hypothekenmarkt, zu platzen begannen.

Drohende Geldvernichtung

Seither gibt es eine Eigendynamik nach unten. Wegen der fallenden Preise wollen viele Investoren verkaufen, was die Preise weiter fallen lässt. Die durch Geldschöpfung erhöhten Werte fallen plötzlich in sich zusammen, als Folge der Wertvernichtung kommt es zu Geldvernichtung: Manche Schuldner können ihre Kredite nicht mehr bedienen; das bereitet den Banken Verluste, die deren Eigenkapital verringern. Die Banken verlängern deshalb ihre Kredite an Spekulanten nicht mehr, was weitere Zwangsverkäufe und Preisrückgänge auslöst. Und mangels Eigenkapital und anderer Refinanzierungen halten sich die Banken auch zusehends damit zurück, Sachinvestitionen zu finanzieren.

Die Abwärtsspirale zieht inzwischen die gesamte Weltwirtschaft nach unten. Um gegenzusteuern, haben Regierungen und Notenbanken riesige Rettungspakete geschnürt. Doch weil in den vergangenen Jahren so viele Kredite vergeben und so viel Geld geschöpft wurde - das nun größtenteils auf Bankkonten liegt und geschützt werden soll - sind astronomische Beträge erforderlich, um das Finanzsystem zu sichern.


Text: F.A.Z. Quelle: http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E82A6266/Doc~EE4705A511A1C41A7A3C69981E6F8FFC0~ATpl~Ecommon~Scontent.html


FAZ: Es geht auch günstiger

Artikel vom 30. Dezember 2008

Energieeffizienz ist in vielen Unternehmen selbstverständlich. Materialeffizienz ist trotz hoher Rohstoffpreise für viele Manager immer noch ein wenig bekanntes Thema.

Von Philipp Krohn

FRANKFURT, 29. Dezember

Mit der Abschwächung der Konjunktur sind die meisten Rohstoffe deutlich günstiger geworden. Dieser aktuellen Entwicklung ist aber eine Hausse über ein halbes Jahrzehnt vorausgegangen. Sie hat in vielen Unternehmen zu einem Umdenken im Umgang mit Rohstoffen geführt. Im Verarbeitenden Gewerbe ist der Anteil der Materialkosten an den Gesamtkosten durchschnittlich auf mehr als 40 Prozent gestiegen. Nachdem jahrelang Ersparnisse vor allem auf der Personalseite angestrebt wurden, rücken diese Aufwendungen stärker in den Fokus.

Materialeffizienz gehört für viele Unternehmen, die sich um eine schlanke Produktion bemühen, zu einem Hauptziel. “Trotzdem ist es ein stiefmütterlich behandeltes Thema”, sagt Sven Marlinghaus, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Brainnet aus St. Gallen. “Zwar ist es in der Produktion weit verbreitet, aber nicht als ganzheitliches Thema im Unternehmen.” Die größten Sparpotentiale lassen sich nach seinen Erfahrungen erst realisieren, wenn mehrere Abteilungen gemeinsam daran arbeiten. So müssten sich vor allem Einkäufer und Produktentwickler eng miteinander abstimmen, was allerdings in der Praxis allzu oft an einem ausgeprägten “Kästchendenken” scheitere.

Da 80 Prozent aller Herstellkosten schon in der Entwicklung festgelegt würden, bleibe dem Einkäufer meist nur noch die Aufgabe, günstige Vertragsbedingungen auszuhandeln. Werde er hingegen auch ins Produktdesign eingebunden, könne das Unternehmen statt an 10 an 70 Hebeln über die gesamte Wertschöpfungskette nach Einsparmöglichkeiten suchen, sagt Marlinghaus, dessen Beratungsfirma mit 220 Mitarbeitern auf Einkaufs- und Wertschöpfungsmanagement spezialisiert ist.

So verweist der Berater auf ein Beispiel aus der Automobilindustrie: Mit dem gemeinsamen Ziel, Strafzahlungen wegen eines überhöhten Kohlendioxidausstoßes ab 2012 zu vermeiden, setzten sich Ingenieure und Einkäufer eines Unternehmens zusammen. Das Ergebnis ihrer gemeinsamen Überlegungen waren deutlich leichtere Schwerschichtmatten für die akustische Dämmung, die bessere Materialeigenschaften hatten, 40 Prozent des Materialeinsatzes einsparten und zudem noch günstiger im Einkauf waren. So konnten die Interessen beider Abteilungen verknüpft werden. An drei Hürden scheitere es häufig, die Materialeffizienz zu verbessern, sagt Marlinghaus: veralteten Denkmustern, Festhalten an Pfründen und mangelndem Zutrauen in Lieferanten. Zu wenige Manager würden ihr Unternehmen über die gesamte Wertschöpfungskette analysieren. Dadurch erzielten sie nur Einsparungen im einstelligen Prozentbereich, obwohl das Vier- bis Fünffache möglich sei. Entwicklungsleiter tendierten zum “Over-Engineering”: “Dann wird für einen Türschließer das beste Material verwendet, das für eine Million Öffnungen reicht, obwohl er nur tausendmal funktionieren muss”, sagt der Berater. Zudem werde oft angezweifelt, dass Innovationen von Lieferanten erfolgreich sein könnten.

Die wachsende Wertschätzung des Recyclings ist ein zusätzlicher Faktor, den Werner Reif von der Handelskammer in Freiburg beobachtet hat. Mit 13 Unternehmen betreibt er ein Materialeffizienz-Netzwerk, das vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird. Eine der Firmen habe einheitliche Aluminiumprofile immer auf die erforderliche Länge zugeschnitten. “So ist Abfall entstanden, für den die Firma noch etwas erlöste. Es wurde aber übersehen, dass das Material im Einkauf dreimal so teuer war”, sagt Reif.

Viele Unternehmen sind sehr viel leichter dazu zu bewegen, die Energieeffizienz zu steigern als die Materialeffizienz. Der Energiefluss ist einfacher zu erfassen, was die Sparpotentiale schneller sichtbar macht. “Bei der Materialeinsparung geht es um dem Kern des Produkts, da reicht es nicht, den Drucklufteinsatz sparsamer zu gestalten”, sagt Hermann Hüwels, Referent für Umwelt- und Energiepolitik im Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Beratern werde deshalb mit Skepsis begegnet, wenn sie Materialeinsparungen vorschlügen.

Schon vor zehn Jahren haben die Handelskammern damit begonnen, Weiterbildungen für betriebseigene Energiemanager anzubieten. Seither sind in Deutschland 700 solcher Manager ausgebildet worden. Wegen der wachsenden Nachfrage nach dem Thema erarbeitet der DIHK nun in Absprache mit dem Bundeswirtschafts- und dem Bundesumweltministerium auch ein entsprechendes Programm für Materialeffizienz. Für das Jahr 2010 ist ein Testlauf der neuen Weiterbildung geplant.

Obwohl der Warenwert in der Lebensmittelbranche deutlich geringer ist, liegen auch hier spürbare Einsparmöglichkeiten durch höhere Materialeffizienz. Diese Erfahrung hat Jörn Niewiadomsky gemacht, Spezialist für Flugcatering der Starnberger Beratung Growtth, die sich mit Lean Management beschäftigt. Eine Firma beispielsweise hatte für Nachtisch, der in Flugzeugen ausgegeben wurde, eine Plastikschale verwendet, deren Deckel nicht passgenau war. So konnten die Lebensmittel nicht luftdicht verschlossen werden und waren dadurch 24 Stunden kürzer haltbar. Indem neue Deckel geordert wurden, wurde das Problem behoben: “Allein durch diese Maßnahme konnten 8 Prozent der gesamten Materialkosten eingespart werden”, berichtet Niewiadomsky.

Überschüssige Produktion und dadurch Nahrungsmittelabfall waren auch in einem weiteren Projekt seiner Beratungsfirma ein Kernthema. Ein Flugcaterer hatte jahrelang Verluste eingefahren und sollte nun restrukturiert werden. In einer Wertschöpfungsanalyse entdeckten die Growtth-Mitarbeiter, dass die Mahlzeiten zusammengestellt wurden, ohne auf die tatsächlichen Fluggastzahlen abgestimmt zu sein. Ein Mitarbeiter galt als erfolgreich, wenn er viele Teller in möglichst kurzer Zeit anrichtete. Indem die Informationen über Fluggastzahlen schon in einen früheren Prozessschritt einflossen, konnte die Produktion optimiert werden. Einfache Schritte, die in Großunternehmen eine Selbstverständlichkeit sind, brachten insgesamt Einsparungen von 9 Prozent während des Projekts, rund 2 durch bessere Materialeffizienz. Um ein Fünftel sank der Lebensmittelabfall. Das Programm führte dazu, dass der Betrieb in die Gewinnzone zurückkehrte.

In einem weiteren Schritt wurden wertschöpfende Tätigkeiten wie die Zubereitung der Mahlzeiten von nichtwertschöpfenden wie der Nachlieferung von Plastikschalen getrennt. Ein Materialversorger ist seither dafür verantwortlich, die Produktionsstraßen mit ausreichend Verpackungen zu bestücken. Dadurch vermeiden die Mitarbeiter, dass sie Produktionsschritte vorziehen müssen auf einen Zeitpunkt, zu dem sie ungenauere Informationen über die nachgefragte Menge haben. “Größere Materialeffizienz steigert die Arbeitsproduktivität und spart zudem Lagerfläche ein”, fasst Niewiadomsky seine Erfahrungen zusammen. So kommt der Betrieb durch die genauere Produktionsplanung mit sehr viel weniger Personal aus, was den Hauptanteil der Kostenersparnis ausmacht.

Dabei hat sich auch hier Kooperation als vorteilhaft erwiesen. Interne Analysen hatten vor dem Engagement der Beratungsfirma ganz ähnliche Effizienzpotentiale identifiziert. Weil das Growtth-Team aber mit dem kritischen Betriebsrat zusammenarbeitete und mit der Belegschaft gemeinsam jeden Schritt der Prozessoptimierung ausgearbeitet hat, ließ sich die Belegschaft auf das Programm ein. “Wir haben letztlich jemanden bezahlt, der uns zuhört und hilft, unsere Ideen umzusetzen”, sagt der Betriebsleiter.

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FAZ: Beruf Aufsichtsrat - ist nur Teil der Lösung

Artikel vom 15. Dezember 2008

Die Anforderungen an die Corporate Governance steigen seit Jahren. In strategischen Fragen müssen Aufsichtsräte kompetente Partner des Vorstands sein. Viele Beobachter fordern deshalb eine stärkere Professionalisierung der Unternehmensaufsicht: den Berufsaufsichtsrat. So einleuchtend das zunächst klingt, die Praxis zeigt, dass ein Berufsaufsichtsrat nicht alles abdecken kann, was eine effektive Unternehmenskontrolle ausmacht.

Von Willi Schoppen

Die jüngsten Entwicklungen sprechen für eine stärkere Professionalisierung der Unternehmensaufsicht. Denn die Tätigkeit wird immer komplexer und nimmt immer mehr Arbeitszeit in Anspruch. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Kontrollpflichten sind durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz gestiegen. Auch haftungsrechtlich wird der Aufsichtsrat immer stärker in die Pflicht genommen. Zudem erwarten Vorstände immer öfter, dass ihnen kompetente Berater und Partner in allen strategischen Fragen gegenüberstehen. Zu diesen inhaltlichen Herausforderungen kommen erhöhte Anforderungen an Flexibilität und persönliche Verfügbarkeit der Kontrolleure. Ein Mandat im Aufsichtsrat ist heute viel arbeitsintensiver als noch vor wenigen Jahren. Die Mitarbeit in Ausschüssen, regelmäßige Vorbesprechungen und außerordentliche Sitzungen zusätzlich zu den regulären Treffen verlangen von den Aufsichtsratsmitgliedern großen Zeiteinsatz.

Diese gestiegenen Anforderungen an Qualifikation und besonders an den persönlichen Einsatz erklären, warum immer weniger aktive Top-Manager ein Aufsichtsratsmandat übernehmen wollen. Ein Engagement in mehreren Gremien führe leicht dazu, nicht mehr genug Zeit für das Management des eigenen Unternehmens zu haben. So übernehmen nach den Ergebnissen des Spencer Stuart Board Index rund drei Viertel aller Vorstandsvorsitzenden maximal 2 Mandate.

Mit dem Berufsaufsichtsrat scheint das Problem auf den ersten Blick gelöst. Hauptberuflich tätige Aufseher könnten sich ganz auf ihre Arbeit im Kontrollgremium konzentrieren und ihre gesamte Energie, Zeit und Fähigkeiten in die immer komplexer werdende Tätigkeit einbringen. So weit die Theorie. Doch wie sieht es in der Praxis aus?

Der Berufsaufsichtsrat ist keine neue Erscheinung. Seit Jahrzehnten haben Vorstände deutscher Unternehmen nach dem Ausscheiden aus der operativen Führung Aufsichtsmandate übernommen. Eine recht neue Entwicklung ist jedoch, dass zumindest einzelne Personen als gezielte Karriereentscheidung vor der Pensionierung ganz in die Unternehmensaufsicht gehen.

Als Paradigma gilt Clemens Börsig: Er gab im Jahr 2007 seinen Posten als Finanzvorstand der Deutschen Bank auf und übernahm den Vorsitz des Aufsichtsrats. Parallel ist Börsig in weiteren Gremien von namhaften Dax-Unternehmen vertreten. Dieser bewusste Schritt vor Erreichen des Pensionsalters trug entscheidend dazu bei, dass der Berufsaufsichtsrat in der Öffentlichkeit positiver als früher wahrgenommen wird. Das Signal war eindeutig: Professionalität statt Ehrenamt, Kompetenz statt persönlichem Netzwerk.

Wird die Aufsichtsratstätigkeit zum Hauptberuf, bedeutet das immer einen Rückzug aus aktiver Unternehmensführung. Ein solcher Schritt bietet auch Vorteile: So ergibt sich beispielsweise mehr Distanz und damit die Voraussetzung für eine Aufsicht aus einer anderen Perspektive. Zugleich baut der Berufsaufsichtsrat durch seine Präsenz in Gremien und Ausschüssen verschiedener Unternehmen seine Expertise aus. Er kann damit zu einem wichtigen “Sparringspartner” für den Vorstand werden. Ein Paradebeispiel dafür ist Stefan Pfander. Der pensionierte Wrighley-Chef wurde im April dieses Jahres für einige Monate von seinem Mandat im Tchibo-Aufsichtsrat freigestellt, um die Restrukturierung des Unternehmens voranzutreiben.

Allerdings: Die Ferne zum aktiven Geschäft nimmt im Laufe der Amtszeit zu. Bei aller Wertschätzung erfahrener Berufsaufsichtsräte wünschen sich deshalb Vorstände auch operativ tätige Manager als Ansprechpartner. Damit bleibt der Grundkonflikt zwischen aktueller Expertise und ausreichender Zeit für anspruchsvolle Aufsichtsratsarbeit bestehen. Die Lösung liegt in der richtigen Zusammenstellung der Aufsichtsratsmitglieder, damit der Aufsichtsrat als Ganzes seine Aufgaben effektiv erfüllen kann. Damit rückt die professionelle Auswahl der Mitglieder in den Mittelpunkt.

Der Deutsche Corporate Governance Kodex verlangt, dass die Aufsichtsratsmitglieder über die für ihre Aufgaben erforderlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und fachlichen Erfahrungen verfügen müssen. Das Gremium muss den Vorstand kompetent kontrollieren, beraten sowie gemeinsam die künftige Strategie festlegen können. Außerdem muss der Aufsichtsrat geeignete Kandidaten für den Vorstand auswählen und ist für deren leistungsgerechte Vergütung zuständig. In der Praxis erweist sich besonders das Thema “Beratung” als kritisch. Nicht selten monieren Vorstände, dass sie im Aufsichtsrat keine Ansprechpartner mit entsprechendem Fachwissen finden. Um das zu vermeiden, muss der Aufsichtsrat professionell nach genau festgelegten Kriterien besetzt werden.

Zu den zentralen Fragen gehört zum Beispiel, welche Kompetenzen und Erfahrungen im Aufsichtsrat vertreten sein müssen. Dies ist abhängig vom jeweiligen Unternehmen und seiner Strategie. Zu klären ist auch, für welche Fähigkeiten eine aktive Management-Tätigkeit unabdingbar ist und für welche Mandate Berufsaufsichtsräte von Vorteil sind. Letztere empfehlen sich beispielsweise für eine zeitintensive Mitarbeit in Gremien wie dem Prüfungsausschuss. Ein Aufsichtsrat sollte auch die internationale Ausrichtung des Unternehmens und die Zusammensetzung der Interessengruppen widerspiegeln. So sollten zum Beispiel weltweit tätige Unternehmen mit globaler Anteilseignerstruktur auch in der Unternehmensaufsicht international aufgestellt sein. Eine häufige Schwäche deutscher Aufsichtsräte: Gemessen an deren gesellschaftlicher Bedeutung, ist der Anteil an weiblichen Mandatsträgern bei weitem nicht groß genug. Länder wie die USA oder Großbritannien können hier Vorbild sein.

Die benötigten Kompetenzen sind zentrales Kriterium für die Zusammensetzung eines Aufsichtsrates. Darüber hinaus sind aber auch ethische Gesichtspunkte wichtig: So müssen Aufsichtsräte unabhängig und integer sein und die Inhalte ihrer Arbeit in den Vordergrund stellen. Dazu gehört die konstruktiv-kritische Auseinandersetzung innerhalb des Gremiums und mit dem Vorstand, ausgerichtet auf das Wohl der Gesellschaft. Ziel ist ein Beitrag zur Wertsteigerung des Unternehmens, ohne die Grenze zwischen Unternehmensleitung und Aufsicht zu verwischen. Zudem müssen Aufsichtsräte offen nach innen und verschwiegen nach außen sein und über eine einwandfreie persönliche Reputation verfügen.

Die Auswahl geeigneter Aufsichtsratskandidaten entlang solcher vordefinierter Kriterien wird zunehmend institutionalisiert. So empfiehlt der Deutsche Corporate Governance Kodex seit 2007, einen Nominierungsausschuss einzurichten. Diesen haben die meisten deutschen börsennotierten Gesellschaften inzwischen gebildet - eine Entwicklung, die zu begrüßen ist. Die Beratungspraxis von Spencer Stuart zeigt, dass sich solche Ausschüsse tatsächlich intensiv an Kompetenzprofilen und Werten orientieren, wenn sie Kandidaten zur Wahl vorschlagen. Zudem sollten künftig auch die Arbeitnehmervertreter verstärkt das Prinzip der kompetenz- und wertorientierten Besetzung auf die Wahl ihrer Kandidaten anwenden.

Entscheidend für die Auswahl entlang von Kompetenzen und Werten ist, die Anforderungen vor Beginn der Suche personenunabhängig zu definieren. Dabei hat es sich bewährt, den Vorstand als Experten für das aktuelle Geschäft in die Erstellung der Expertenprofile mit einzubeziehen. Denn dieser kennt das Geschäft, die Märkte und Strategie des Unternehmens wesentlich besser als die Mitglieder des Nominierungsausschusses. Eine langfristige Planung ist zudem unabdingbar, da hochqualifizierte Kandidaten selten kurzfristig verfügbar sind. Das gilt nicht nur für aktive Manager; auch Berufsaufsichtsräte begrenzen bei den hohen Anforderungen an die Unternehmensaufsicht die Zahl der Mandate und wählen diese sorgfältig aus.

Diese Überlegungen verdeutlichen: Eine isolierte Argumentation für oder gegen den “Beruf Aufsichtsrat” greift zu kurz. Nur ein sorgfältig und professionell besetzter Aufsichtsrat kann die gestiegenen Anforderungen an dieses Kontrollgremium erfüllen. Profi-Aufsichtsräte sind ein wichtiger Teil der Lösung, aber nicht die vollständige Antwort.

Der Autor ist Leiter Board Services von Spencer Stuart in Frankfurt.

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FAZ: Die "Fair Value"-Bewertung gefährdet Familienunternehmen

Artikel vom 15. Dezember 2008

Für bis zu 95 Prozent der Bilanzposten existiert kein Markt

noa. FRANKFURT, 14. Dezember.

Die Bilanzregel der Bewertung nach dem “Fair Value” steckt in der Krise. Das zeigt die aktuelle Finanzkrise in aller Deutlichkeit. Denn der “Fair Value” - als heranzuziehender Zeitwert für eine Bilanzposition nach den internationalen Rechnungslegungsstandards der International Financial Reporting Standards (IFRS) - ist starken Schwankungen unterworfen, da er von der Bewertung an einem Stichtag abhängig ist.

Dadurch könne der sogenannte faire Wert sehr schnell unfair werden, meint Frank Reuther, der bei der Freudenberg & Co. KG für Konzernrechnungslegung und Controlling zuständig ist, in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Zusammen mit Dieter Truxius, Finanzgeschäftsführer von der Dachser GmbH & Co. KG, vertritt er die Interessen von familiengeführten Konzernen in Deutschland, die sich in der Vereinigung zur Mitwirkung an der Entwicklung des Bilanzrechts für Familiengesellschaften eV (VMEBF) zusammengeschlossen haben. Mit ihrem Votum wollen sie die Diskussion um das Bilanzrechtmodernisierungsgesetz (BilMoG) erweitern.

Grundsätzlich nehme die Bedeutung der IFRS zu, und das nicht nur für kapitalmarktorientierte Unternehmen, sagt Reuther. In vielen Ländern würden die IFRS direkt in nationales Recht übernommen, in anderen, wie in Deutschland, nähere sich das nationale Bilanzrecht an die IFRS an. Auch wenn “Fair Values” in den IFRS bisher nur in bestimmten Bereichen zur Anwendung kämen, zeige die Kreditkrise doch bereits in Ansätzen, welche Problematik in der “Fair Value”-Bilanzierung stecke, sagt Reuther. Er und Truxius nennen zwei Beispiele: Selbst wenn ein Marktpreis existiere, könne es sein, dass er nicht dem “fairen Wert” entspräche. Und zum zweiten, wenn der “Fair Value” in Ermangelung eines fairen Marktpreises mittels Modellrechnung zu ermitteln sei, sorge die nahezu uneingeschränkte Freiheit der Parameterwahl für das Modell für eine völlige Entobjektivierung der Bilanzwerte.

Beide wagen die These, dass die “Fair Value”-Bilanzierung zum Zusammenbruch von Unternehmen führen könne. Die oben genannten Kritikpunkte ließen sich auch auf die anderen Bereiche der Bilanzierung übertragen, in denen der “Fair Value” bereits jetzt eine Rolle spiele. Diese sind vor allem: Kaufpreisallokation und Werthaltigkeitstest (impairment tests) für Geschäftswerte. “Fair Value”-Bilanzierung führt in guten Jahren zu einem Aufblähen der Bilanz. Damit wächst das Risiko einer außerplanmäßigen Wertberichtigung, wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert; so geschehen in der jetzigen Kreditkrise.

Der Verzicht auf die planmäßige Abschreibung der Geschäftswerte hat in vielen Bilanzen zu einem starken Wachstum der Geschäftswerte geführt, die bei vielen Unternehmen die Größenordnung des Eigenkapitals erreichen oder sogar übersteigen. In schlechten Jahren führt der resultierende Wertberichtigungsbedarf zu einer immensen Beeinträchtigung des Eigenkapitals, wenn nicht gar zur bilanziellen Überschuldung. Mit zunehmender “Fair Value”-Bilanzierung verschärft sich das Problem. Es wird geschätzt, dass für rund 95 Prozent der Vermögensgegenstände einer Bilanz kein Markt existiert (Saarbrücker Initiative gegen Fair Value).

Bei einer vollen “Fair Value”-Bilanzierung müsste also nahezu die komplette Bilanz anhand von Modellrechnungen mit subjektiv festlegbaren Parametern ermittelt werden. Die Folge: Mangels Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit der Daten wäre die Bilanz für jeden von den IFRS und dem HGB vorgesehenen Zweck wertlos. Familienunternehmen sind besonders betroffen, denn das “Fair Value”-Bewertungsmodell richtet sich vor allem an Aktionäre, die am augenblicklichen Wert eines Anteils interessiert sind. Langfristig orientierte Investoren, wie sie die Anteilseigner von Familienunternehmen in der Regel darstellen, können mit der “Fair Value”-Bilanzierung hingegen wenig anfangen. Der Informationsgehalt ist aufgrund fehlender Verlässlichkeit der Wertansätze niedrig, und für die Fortführung des Unternehmens sind die Marktwerte von Maschinen und Gebäuden in der Regel auch nicht relevant. Familienunternehmen benötigen in erster Linie nachprüfbare Aussagen über die Höhe des ausschüttungsfähigen Periodengewinns. Die Gewinnermittlung wird aber bei Anwendung der “Fair Value”-Methode stark beeinträchtigt, da auch unrealisierte, zum Teil auch unrealisierbare Gewinne mit erheblichen Schwankungsbreiten einbezogen werden müssen. Eine von der VMEBF zusammen mit der Stiftung Familienunternehmen und der Universität Stuttgart durchgeführte Studie habe gezeigt, dass die Gesellschafter von Familienunternehmen den Informationsgehalt der Angaben zu komplexen Bilanzierungssachverhalten wie Finanzinstrumenten und latenten Steuern für sich als niedrig einschätzen, sagt Truxius.

Im Fall eines hohen einmaligen Wertberichtigungsbedarfs entsteht für nicht kapitalmarktorientierte Familienunternehmen ein weiteres, vielleicht sogar existenzgefährdendes Problem: wenn sie zum Beispiel den durch die Wertberichtigung verursachten Kapitalbedarf kurzfristig nicht durch Gesellschaftermittel decken können.

Im Oktober 2008 hat der australische Standardsetzer ein Diskussionspapier zur erstmaligen Bewertung selbsterstellter immaterieller Vermögensgegenstände nach IFRS veröffentlicht, in dem er den “Fair Value” als Wertansatz vorschlägt. “Dies zeigt, dass sogar angesichts des Scheiterns des ,Fair Value’Modells in der Kreditkrise an eine Ausweitung des Konzepts gedacht wird”, sagt Reuther. Die Beteuerungen des IASB, dass an eine Ausweitung des “Fair Value”-Konzepts nicht gedacht ist, erschienen damit wenig glaubwürdig.

(c) Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

via: FAZ, Quelle: http://www.kraus-und-partner.de/70/FAZ-Artikel?id=FD1200812152051449


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